Welt 28.05.2026
12:26 Uhr

„Fahrt zieht sich bis zu sieben Stunden“ – EU-Kommissare klagen über Ladepause für E-Autos


Brüssel hat strenge Emissionsziele formuliert und schränkt die Nutzung von Verbrennern ein. Nun beschweren sich die Beamten aus dem Spitzenteam von EU-Chefin von der Leyen. Der ungarische Kommissar soll einen Plan B entwickelt haben.

„Fahrt zieht sich bis zu sieben Stunden“ – EU-Kommissare klagen über Ladepause für E-Autos

EU-Kommissare sind verärgert: Auf dem Weg von Brüssel nach Straßburg müssen ihre Dienstwagen an einer Raststätte in Luxemburg zum Laden halten. Ihre Batterien schaffen die 440 Kilometer lange Strecke offenbar nicht zuverlässig. Der Ladestopp am Straßenrand sorgt in Teilen des Spitzenteams von Ursula von der Leyen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ursula-von-der-leyen/) zunehmend für Unmut. Das sagten Mitarbeiter aus drei Kommissarskabinetten „Politico“ (verlinkt auf https://www.politico.eu/article/european-commissioners-electric-cars-charging-pit-stop-green-fleet-strasbourg-frustration/) , das wie WELT zum Axel Springer Global Reporters Network gehört. Die grüne Dienstwagenflotte der EU-Kommission hat demnach Mühe, die regelmäßige Fahrt zum Europaparlament ohne Unterbrechung zu bewältigen. Die Fahrzeuge, die Kommissionspräsidentin von der Leyen und ihre Kommissare zu offiziellen Terminen bringen, müssen unterwegs für rund 20 bis 30 Minuten an die Ladesäule. Aus der ohnehin langen, etwa fünfstündigen Fahrt wird so ein noch zäherer Trip, berichteten Mitarbeiter aus insgesamt acht Kabinetten. Die Klagen ähneln den Argumenten politischer Gruppen und Branchenvertreter, die der Kommission vorwerfen, die grüne Transformation schneller voranzutreiben, als es Verbrauchergewohnheiten und Ladeinfrastruktur zulassen. Die Kommission wollte den Verkauf neuer Verbrenner ursprünglich ab 2035 auslaufen lassen. Vertreter der Autoindustrie und ihre politischen Unterstützer verweisen jedoch seit Jahren darauf, dass weder Infrastruktur noch Kaufverhalten diesem Zeitplan folgen. Verbraucher nennen die Sorge um die Reichweite häufig als zentralen Grund, kein Elektroauto zu kaufen. Inzwischen hat Brüssel die Emissionsziele für europäische Autohersteller angepasst (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/plus69c6563f8f576167171612c5/verbrenner-aus-ich-glaube-nicht-dass-wir-die-groessten-verbrecher-sind.html) : Auch nach 2035 sollen alle Antriebsarten möglich bleiben, solange Hersteller Klimakompensationen umsetzen. Bei den eigenen Mitarbeitern ist diese Lockerung jedoch noch nicht angekommen. Emissionsfrei bis 2027 Die Dienstwagen sind Teil des Versuchs der Kommission, den eigenen Betrieb klimafreundlicher zu machen. Die Initiative startete 2022 in von der Leyens erster Amtszeit und wurde im vergangenen Dezember bekräftigt: Die 128 Fahrzeuge umfassende Flotte soll bis 2027 vollständig emissionsfrei sein. Nach Angaben eines Kommissionssprechers sind mittlerweile rund 80 Prozent der Fahrzeuge elektrisch. Zur Flotte gehören große BMW-Modelle, die sich für Langstrecken ohne Zwischenladen nur „bedingt eignen“, sagte ein Beamter zu „Politico“. Die Kommission äußerte sich nicht dazu, welche Modelle eingesetzt werden. Das Problem der nötigen Ladestopps wurde nach Angaben eines weiteren Beamten bereits Anfang des Jahres in einer Sitzung der Kommissare angesprochen. Ein Kommissar habe sich dort über die Unannehmlichkeiten der Elektroautos beschwert. Daraufhin sei ihm gesagt worden, er solle sich an Haushaltskommissar Piotr Serafin wenden, der für die Verwaltung zuständig ist. Die Alternative zum Ladestopp besteht darin, auf der Autobahn besonders langsam zu fahren, um den Akku zu schonen. „Aber das funktioniert nicht wirklich“, sagte ein Mitarbeiter eines verärgerten Kommissars, dem wie anderen Gesprächspartnern in diesem Artikel Anonymität zugesichert wurde. Auf diese Weise könne sich die Fahrt auf bis zu sieben Stunden ziehen, so ein weiterer Beamter. Der Zwang zum Ladestopp störe etwa nach langen Plenarwochen, wenn die Kommissare spätabends möglichst schnell zurück nach Brüssel wollen, so ein Mitarbeiter eines Kommissars. Der Zug nach Straßburg werde gemieden, weil unterwegs mitunter vertrauliche Telefonate geführt werden müssten. „Ambitioniertes Elektrifizierungsziel“ Ein Kommissar hat offenbar einen anderen Ausweg gefunden: Drei Beamte sagten, der Ungar Olivér Várhelyi sei zeitweise in einem Kleinbus mit seinem Team nach Straßburg gefahren – statt den offiziellen Dienstwagen zu nutzen. Várhelyis Kabinett ließ eine Anfrage von „Politico“ unbeantwortet. Von der Leyen selbst bleibt der Ärger mit den Elektroautos erspart. Der Wagen der Kommissionspräsidentin müsse aus Sicherheitsgründen gepanzert sein, sagte ein Beamter. Ein geeignetes gepanzertes Elektromodell stehe derzeit nicht zur Verfügung. Im Juli will die Kommission ihren lange erwarteten Elektrifizierungsplan vorstellen, dessen Vorstellung ursprünglich für Mitte Juni geplant war. Darin dürfte Brüssel nach Angaben von Beamten ein „ambitioniertes Elektrifizierungsziel“ präsentieren. Von der Leyen hatte das Paket erstmals im April angekündigt – als Teil des breiteren Vorhabens der EU, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen infolge der Nahost-Krise zu verringern. „Wir müssen auch die Elektrifizierung unserer Wirtschaft beschleunigen, unserer industriellen Abläufe, der Art, wie wir unsere Häuser heizen, und unserer Mobilität“, sagte die Kommissionspräsidentin damals. Mitarbeit: Jordyn Dahl und Gabriel Gavin Das Axel Springer Global Reporters Network ist eine markenübergreifende Initiative, die Scoops, investigative Recherchen, Interviews, Meinungsstücke und Analysen globaler Relevanz veröffentlicht. Journalisten aller Axel-Springer-Marken – darunter „Politico“, Business Insider, WELT, „Bild“, Onet und Fakt – kooperieren bei großen Geschichten für ein internationales Publikum. Die Berichterstattung erstreckt sich über alle Plattformen von Axel Springer: online, Print, TV und Audio. Zusammen erreichen diese Veröffentlichungen Hunderte Millionen Menschen weltweit.